Das macht mich high: «Die Ruchlosen» von Philippe Djian

Egal wie sehr es um mich wogt und brandet, Philippe Djians neuer Roman «Die Ruchlosen» versetzt mich in Hochstimmung. Schon im ersten Satz erahne ich den verheissungsvoll schimmernden Kern der Geschichte: eine Lovestory, so zärtlich verrucht, dass der Mond rot über den Wellenkämmen aufsteigt.

Ich liebe die abendliche Dämmerung am Meer. In der Ferne sehe ich die «Ruchlosen» in einem Boot langsam am Horizont verschwinden.
Ich liebe die abendliche Dämmerung am Meer. In der Ferne sehe ich die «Ruchlosen» in einem Boot langsam am Horizont verschwinden.

Marc, 30, liebt Diana. Doch sie will von ihm nichts wissen. Er ist ja auch der Bruder ihres Mannes. Und der ist vor einem Jahr bei einer Schiesserei gestorben. Die beiden leben zusammen in Dianas Haus am Meer.  Auch wenn die Fenster aus Doppelglas sind, hört man das Grollen der Wellen in der Ferne. Diana ist Zahnärztin und hat ihre Praxis im Erdgeschoss.

 

Liebevoll kümmert sich Marc um seine Schwägerin. Er weiss, wie schwer ihr das Leben geworden ist. Umsichtig fühlt er ihr allmorgendlich den Puls, ob heute ein Tag für eine Dummheit ist. Denn Diana hat schon mehrmals versucht, ihrer grossen Liebe in den Tod zu folgen. Dabei hält das Leben so viel für sie bereit!

 

«Diana ging auf die fünfzig zu. Manchmal glaubte er seinen Augen kaum. Sie war schöner als alle Frauen, die er je gekannt hatte. Wenn sie ausgingen, endete es meistens mit Schlägen in die Fresse, da war immer ein Kerl, der sie wollte, ein Kerl, der verrückt wurde, sobald sie ihm ins Auge gefallen war.»

 

Als dann Marc am Strand vor dem Haus drei prallvolle Päckchen mit Koks findet und die Ware zu Geld machen will, wird's brenzlig und die Beziehung der beiden wird auf eine harte Probe gestellt.

KA-BOOM: Ich glaube, mir explodiert gleich der Kopf. «Die Ruchlosen» sind so was von ruchlos!
KA-BOOM: Ich glaube, mir explodiert gleich der Kopf. «Die Ruchlosen» sind so was von ruchlos!

Daumen rauf

  • Spannungsgeladen. Dieser Roman fängt unverfänglich an. Doch je mehr ich über Djians Helden in Erfahrung bringe, desto fassungsloser werde ich. So viel Ruchlosigkeit bei so viel Testosteron und Nervenkitzel. Wer hätte das gedacht!
  • Raffiniert. Djians Geschichte entwickelt sich in Echtzeit. Es gibt keine allwissende Erzählinstanz, die einem die Hintergründe erklärt. Ich schaue einfach den Figuren über die Schulter. Ihre Handlungen, Gespräche, Gedanken und Gefühle sprechen für sich. Das ist das Besondere an Djians Schreibstil.
  • Pastellig. Philippe Djian schafft mit seinen Naturbeschreibungen wunderschöne Stimmungen: beispielsweise, wenn sich der Himmel rosa-grau färbt, wenn es dämmert. Oder das Wasser im Mondlicht ölig glänzt.
  • Zärtlich. Philippe Djian liebt die Frauen... um die fünfzig. Das Portrait, das er von Diana zeichnet ist für mich eine «Warme Dusche».

Daumen runter

  • Schmierig. Philippe Djians Schreibkünste in Sachen Erotik sind etwas in die Jahre gekommen. Besonders die Beschreibung von Marcs sexuellen Eskapaden erinnert an Altmänner-Fantasien.
Raues Seemannsgarn: Philippe Djians Figuren saufen Gin ohne Ende und tingeln von Hafenkneipe zu Hafenkneipe.
Raues Seemannsgarn: Philippe Djians Figuren saufen Gin ohne Ende und tingeln von Hafenkneipe zu Hafenkneipe.

Der Autor

Philippe Djian, geboren 1949 in Paris, ist viel herumgekommen. Er lebte in New York, Florenz, Bordeaux und Lausanne und wohnt heute in Biarritz und Paris. Auf einer Autobahnmautstelle, bei einem seiner Gelegenheitsjobs, tippte Philippe Djian sein erstes Manuskript. Sein dritter Roman «Betty Blue» wurde zum Kultbuch.

 

Das Buch: Philippe Djian: «Die Ruchlosen» (Diogenes, 2021)

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